Museen

Kunstmuseum Wolfsburg: Tell Me Where Home Is

Was bedeutet Heimat heute? Ist sie überhaupt ein geografischer Ort oder eher ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Illusion? Wie bilden Menschen im 21. Jahrhundert immer wieder neue Heimaten? Das Kunstmuseum Wolfsburg beschäftigt sich in seiner Themenausstellung Tell Me Where Home Is mit den aktuell kontrovers diskutierten Fragen nach Heimaten, Migration und Zugehörigkeit. Denn auch unseren globalisierten und digitalisierten Gesellschaften wohnt eine Sehnsucht nach Heimat inne - obwohl, oder gerade weil ständiger Wandel und Migrationsbewegungen zur Normalität geworden sind. Krieg, Verfolgung oder die Klimakatastrophe zwingen Millionen Menschen, ihr Zuhause zu verlassen. Nur ein kleiner Teil genießt Mobilität als kosmopolitische Lebensform.


Cristina de Middel, Hierve el Agua are petrified waterfalls and sulfuric spring source located in the state of Oaxaca. Despite the growing affluence of tourists, it remains a sacred place for natives. Mexico, 2019

Bild: © Cristina De Middel/Magnum Photos

Wie beheimaten sich also Menschen in dieser bewegten Welt? Rund 160 Werke von 61 zeitgenössischen Künstler*innen zeigen in der großen Ausstellungshalle des Museums, wie wir Heimaten verlieren, gewinnen und gemeinsam bilden können. Häuser, Städte, Landschaften können Gefühle des Zuhauseseins auslösen; vielfach aber sind diese nicht mehr an einen Ort gebunden, sondern an Familie, Freund*innen, Religion, Musik und Sprache, Essen oder soziale Netzwerke. Für viele, die freiwillig oder unfreiwillig migriert sind, ist das Handy als Speicher sozialer Beziehungen ihr Heimathafen. Und oftmals scheinen Heimaten vor allem verklärte Erinnerung zu sein, an einen (Kindheits-)Ort, den es so möglicherweise nie gegeben hat.

Die Ausstellung findet starke Bilder für komplexe Fragen: Alfredo Jaar schichtet One Million German Passports zu einem riesigen Block, um an die Geflüchteten zu erinnern, die im Zuge des syrischen Bürgerkrieges in Deutschland aufgenommen wurden. Denn die Möglichkeiten, sich zu beheimaten, hängen wesentlich von ein paar Blatt Papier ab. Wie Menschen ihr Leben auch unter widrigen Bedingungen in Lagern für Geflüchtete gestalten, zeigt Coco Olakunle mit fotografischen Porträts, die gängige Klischees unterlaufen. Ishita Chakraborty formt ein inklusives Europa aus Ton-Pilzen aller Hautfarben, und Diana Scherer folgt dem Vorbild der Natur und übersetzt die zeitgenössische, "vernetzte" Gesellschaft in ein eigens für die Ausstellung gezüchtetes Muster aus Wurzeln, die wie diejenigen des mobilen Menschen nicht in die Tiefe, sondern eher in die Breite wachsen. In die Höhe dagegen türmt sich Tracey Snellings Installation One Thousand Shacks: ein Monument für die Ärmsten der Welt, die ihre Heimaten unter prekären Bedingungen improvisieren.

Verständnis für die Schicksale und Traumata von Migrant:innen und Geflüchteten zu wecken, ist eines der Anliegen der Ausstellung. Der nationalistischen Vereinnahmung des Heimatbegriffs setzt Tell Me Where Home Is einen offenen Blick auf die unterschiedlichen Konzepte von Heimat entgegen. Die Ausstellung weckt Neugier und macht Lust auf gesellschaftliche Vielfalt - und bietet viel Raum zur Begegnung und zum Nachdenken über persönliche und kollektive Heimaten. (KMW)

Kunstmuseum Wolfsburg

Ausstellungseröffnung am Freitag, 18.9., 19 Uhr, mit "Staatsempfang" des Präsidenten Manaf Halbouni und des Premierministers Christian Manss von Mobilistan, dem ersten mobilen Staat der Welt in einer Limousine

Termin: 19.09.26 bis 17.01.27

   Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg (KMW)

 

 

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