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Museum Wiesbaden gibt Porträt der Marquise Sauli-Visconti an das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt a. M. zurück

Im November 2024 übergab das Museum Wiesbaden ein der Césarine Henriette Flore Davin Mirvault zugeschriebenes Damenporträt an das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt am Main. Der Rückgabe waren intensive Recherchen der Provenienzforscherin Miriam Olivia Merz auch im Austausch mit ihrer Kollegin Anja Heuß zur Herkunft und Identität des seit 1988 am Museum Wiesbaden befindlichen Gemäldes voraus gegangen. Das Bildnis war 1988 im Zuge des deutsch-deutschen Kulturabkommens fälschlicherweise nach Wiesbaden geliefert worden - zusammen mit einem Konvolut von Werken der Gemäldegalerie Wiesbaden, das seit 1943 aus Schutz vor Kriegseinwirkungen an einem Auslagerungsort in der Nähe von Dresden aufbewahrt wurde.


Bild:
 Museum Wiesbaden

Ausstellung 2006 im Museum Wiesbaden

2006 war es dann erstmals als Werk eines unbekannten Malers mit dem beschreibenden Titel "Dame mit Harfe am Löwendenkmal" am Museum Wiesbaden ausgestellt. Dort entdeckte Gerhard Kölsch, das als verschollen geglaubte Bildnis der Madame de Staël von François Gérard aus dem Bestand des Freien Deutschen Hochstifts. Es hatte bereits 1944 als Geschenk eines unbekannten "vlämischen Arztes" Eingang in die Sammlung des Frankfurter Goethemuseums gefunden.

Vermittler des Geschenks war der Kunsthistoriker Erhard Göpel, der als Mitarbeiter des Sonderauftrags Linz in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten u.a. in Belgien für die Beschaffung von Kunstwerken für das von Hitler geplante Museum in Linz zuständig war. Das geschenkte Gemälde wurde dem Goethemuseum jedoch nie übergeben, sondern auf Veranlassung Göpels direkt an einen Auslagerungsort der Dresdner Gemäldegalerie in Sachsen geschickt. Dort hatte es sich bei den ebenfalls kriegsbedingt verlagerten Kunstwerken der Gemäldegalerie Wiesbaden befunden. Die Auslagerung der Wiesbadener Gemälde im Jahr 1943 geht auf Hermann Voss zurück. Er war von 1935 bis 1945 Direktor der Gemäldegalerie Wiesbaden und ab 1943 in Personalunion Direktor der Dresdner Gemäldegalerie und Sonderbeauftragter für Hitlers Führermuseum in Linz. Susanne Hirschmann M.A.

Eintrag im Bestandskatalog der Gemälde des Freien Deutschen Hochstifts, 2011

2011 führt der Bestandskatalog der Gemälde des Freien Deutschen Hochstifts das Bildnis als Abgang mit dem Hinweis auf seinen Standort am Museum Wiesbaden auf. Laut Eintrag handelt es sich bei der Dargestellten nicht um die einst mit Goethe bekannte Schriftstellerin Madame de Staël, sondern vielmehr um die Marquise de Sempar, eine Ehrendame am Hof Napoleons. Die Zuschreibung an François Gérard wird angezweifelt und stattdessen eine Zuschreibung an Césarine Henriette Flore Davin-Mirvault, eine Schülerin Gérards, vorgeschlagen. Entgegen früherer Beschreibungen wird das Instrument als Lyra-Gitarre - und nicht wie fälschlicherweise als Harfe - benannt.

Provenienz vor 1944

Nach der Feststellung, dass das seit 1944 zum Bestand des Frankfurter Goethemuseums gehörende Gemälde nach dessen kriegsbedingter Auslagerung 1988 an das falsche Museum rückgeliefert wurde, konnten weitere wichtige Stationen in der Vorprovenienz geklärt werden.

Für Mai 1898 lässt sich das Gemälde mit der Zuschreibung an Horace Vernet als "Portrait der Marquise Sauli-Visconti, geborene Samper, Ehrendame am Hof Napoleon I in Mailand" in einem Auktionskatalog der Galerie Sangiorgio, Rom nachweisen. Nur knapp zwei Jahre erscheint es im April 1900 in einem Katalog des Pariser Versteigerungshauses Hôtel Drouot als aus der Sammlung von Hermann Weck stammend. Das Bild findet auf der Auktion keinen Zuschlag und geht zurück an den Einlieferer. Danach verliert sich für lange Zeit dessen Spur, bis es offenbar im März 1944 im Besitz eines belgischen Arztes wieder auftaucht. Nach jetzigem Stand handelte es sich höchstwahrscheinlich um den aus Brüssel stammenden Kunstsammler und Mediziner Frans Heulens, der mit den deutschen Besatzern in Belgien kollaboriert hatte. Wo und unter welchen Umständen er das Porträt erworben hatte, ist bislang noch nicht geklärt.

Am Beispiel eines 1988 als "Irrläufer" an das Museum Wiesbaden gelangten Gemäldes wird deutlich, welche Spuren der durch den Nationalsozialismus verursachten Kulturgutverlagerungen sich mittels Provenienzforschung bis heute an den Museumssammlungen ablesen lassen. (MW)

Miriam Olivia Merz, Zentrale Stelle für Provenienzforschung Hessen

  Quelle: Museum Wiesbaden (MW)

 

 

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